| Mein Bildungsroman - Gedanken zur Lage der Literaturzeitschriften |
| von Michael Braun | |
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Eine etwas hochnäsige Glosse in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gelangte im August 2004 zu einem sehr schroffen Urteil über den Zustand der deutschen Kulturzeitschriften. In Deutschland, so hieß es kategorisch, existierten „nur zwei in sich notwendige Kulturzeitschriften“: für die begriffsscharfen Intellektuellen gebe es den „Merkur“; die traditionsbewussten Mitteleuropäer mit einem emphatischen Verständnis von Dichtung seien mit „Sinn und Form“ gut bedient. Eine dritte Instanz wollte der Polemiker nicht gelten lassen: „Tertium non datur.“ In ähnlich schnippischer Form wurden in einem launigen Gespräch am Rande des Klagenfurter Literaturwettbewerbs 2005 auch die Literaturzeitschriften abgewatscht. Als Ankläger trat ein sehr kampfeslustig wirkender Kritiker auf, der von einer neuen Zeitschriften-Renaissance nichts wissen sollte. Die Ära der Literaturzeitschriften sei vorbei, ließ der Kritiker wissen, die Feuilletons hätten längst die Aufgabe der Zeitschriftenmacher – Sondierung des literarischen Markts, Entdeckung neuer Autoren – übernommen. Hätte der gute Mann wirklich in den lebendigen Blättern dieser Tage geblättert, wären ihm etliche aufregende Texte und Autoren aufgefallen, die in seinem bräsigen Feuilleton hartnäckig fehlen. Als Impulsgeber, Scouts und Probebühnen sind Literaturzeitschriften nach wie vor unverzichtbar. Während sich die etablierten Periodika ideenpolitisch ein bisschen mühsam dahinschleppen (die große Ausnahme ist hier das nach wie vor bewundernswerte und einschüchternd lehrreiche „Schreibheft“ Norbert Wehrs), haben Zeitschriften wie die „Losen Blätter“, die „EDIT“, die „BELLA triste“ oder „sprachgebunden“ neue, viel versprechende Autoren entdeckt und Debatten angestoßen, die man in den Feuilletons der Tageszeitungen vergeblich sucht. Freilich sehen die Vernetzungsbestrebungen, die nun bei dem „Treffen junger Literatur- und Kunstmagazine“ Anfang Juni 2007 formuliert wurden, eher einem Akt der Notwehr ähnlich als einem fruchtbringenden Konzept. Wozu (sieht man einmal von pekuniären Gründen ab) diese ganze Mobilisierung von Vernetzungs- & Verlinkungs-Synergien? Gute Zeitschriften wurden immer von eigensinnigen und meist beratungsresistenten Einzelgängern gemacht, die ihre literarischen Obsessionen pflegten und auf semi-gewerkschaftliche Zusammenkünfte verzichteten. Die Literaturzeitschriften des 21. Jahrhunderts werden m.E. nur dann Bestand haben, wenn sie sich von einer pluralistischen Sammelsuriumshaftigkeit lösen (an der z.B. Neugründungen wie „[SIC]“ laborieren) und sich stattdessen mit analytischer Hartnäckigkeit auf eng gefasste Themenfelder oder „Schwerpunkte“ konzentrieren. Vorbildfunktion haben hier zwei besonders gelungene Ausgaben von „BELLA triste“ und „sprachgebunden“. Mit ihrem Sonderheft Nr. 17 hat „BELLA triste“ die bislang gründlichste Auseinandersetzung mit den Metamorphosen der Jungen Lyrik vorgelegt – und hat dabei erfreulicherweise die handelsübliche Fraternisiererei vermieden. Die mikroskopischen Textanalysen und philologischen Tiefbohrungen zu einzelnen Gedichten werden hier von Dichterkollegen vorgenommen, die dem Ansatz des porträtierten Lyrikers eher ferne stehen. Dieses kritische Verfahren wird noch potenziert durch das Verfahren interner Blattkritik. Nicht nur die Vorzüge und Schwächen der porträtierten Dichter werden beleuchtet, auch die literaturkritischen Prämissen der jeweiligen Porträt-Verfasser werden akribisch seziert. Einen erheblichen ästhetischen Distinktionsgewinn haben auch die Köpfe des ambitionierten Literaturmagazins „sprachgebunden“ erzielt. Ihr Erfolgsrezept heißt: Grenzüberschreitung zwischen den Disziplinen und Erprobung ästhetischer Interpendenzen. Die Sonderausgabe, die Nummer 3 von „sprachgebunden“ zum Thema „Über-setzen“, enthält nicht nur sechs wunderbare Phantasien über die Kunst der poetischen Übersetzung, sondern auch intensive Meditationen zu Werken im Grenzbereich von Fotografie und Bildender Kunst. Eine von ihren Redakteuren meist uneingestandene Funktion der unabhängigen Literaturzeitschriften liegt natürlich auch in der Generierung des eigenen ästhetischen Marktwertes. „Junge Magazine“ werden gerne als Plattform genutzt, um als Autor auf die Bühne des Literaturbetriebs aufzusteigen. Dort erst einmal angekommen, verabschieden sich die Herausgeber alsbald von ihrem Objekt, um sich dem Fortgang der eigenen Textgeschäfte zu widmen. So einfallsreiche Magazine wie die Literaturschachtel „Die Außenseite des Elementes“ – eine nach dem Vorbild Marcel Duchamps gestaltete Loseblattsammlung von Erzählungen, Gedichten, Essays und Zeichnungen in einer kartonierten Box – sind doch relativ schnell wieder verschwunden. Auch „Lose Blätter“, die vom Produktionsaufwand her spartanischste, aber poetisch sehr substantielle Zeitschrift, hat nach zehn Jahren ihr Erscheinen eingestellt. Gut möglich, dass hier ein negativ reziprokes Verhältnis herrscht: Je größer die öffentlichen Aufmerksamkeitsboni und literarischen Erfolge der Herausgeber, desto rascher erlahmt die Motivation zur Fortführung ihrer Zeitschriften. Sobald einer im Literaturbetrieb als eine kleine Berühmtheit akkreditiert ist, hat er für das Betreiben einer Literaturzeitschrift keine Zeit mehr. Das ist auch keine ehrenrührige Angelegenheit. Als die genialischen Frühromantiker-Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel die Gründung des „Athenäums“ beschlossen, formulierten sie den wenig bescheidenen Anspruch, „dass wir uns eine große Autorität in der Kritik machen, hinreichend, um nach fünf bis zehn Jahren kritische Diktatoren Deutschlands zu sein“. Zur „kritischen Diktatur“ hat´s damals nicht ganz gereicht. Weder dem „Athenäum“ noch Schillers „horen“ kann eine publizistische Langlebigkeit bescheinigt werden. Aber die Vermessenheit der Schlegels könnte als Antriebsenergie für junge Zeitschriftenmacher von Nutzen sein. Denn es sind noch immer die Literaturmagazine und Kulturzeitschriften und nicht die Feuilletons, die den Bildungsroman des Literaturkritiker-Lebens ermöglichen. Das darf man als autobiografische Pointe des Verfassers lesen. Mehr als die literarische Saisonware der „Neuerscheinungen“ haben ihn schon immer jene passionierte Einzelgänger fasziniert, die ihre ganze Energie und teilweise ihr gesamtes Vermögen auf die Realisierung eines Zeitschriftenprojekts verwendet haben. Einer dieser freien Geister war der Rock-Historiker, Benjamin-Biograph und Geo-Poet Helmut Salzinger. Er exponierte sich in den sechziger Jahren als Literaturkritiker der „Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen“, bevor ihm dieser Job zu langweilig wurde und er die spirituellen Wurzeln der 68er Bewegung für sich entdeckte. Schließlich verfasste er „Swinging Benjamin“, die wohl heiterste Biographie über den Philosophen, bevor er sich aufs Land zurückzog, in die Tiefebene zwischen Elbe und Wesermündung. Dort begründete er 1984 „FALK“, die „Loosen Blätter für alles Mögliche“, eine hektographierte Monatszeitschrift von schlichtestem Layout , in der Salzinger gemeinsam mit Stefan Hyner ein Konzept der offenen Poetik und der emphatischen Landschaftsdichtung entwarf. In den drei Jahren der Existenz von „FALK“ und insgesamt 36 Heften arbeitete der 1993 verstorbene Salzinger systematisch an einer Gegengeschichte der modernen Poesie. Der Meister der Head Farm favorisierte amerikanische Dichter in der Nachfolge der Beat-Poetry mit ökologischer Einfärbung, Autoren wie Michael Mc Clure, James Koller oder auch den großartigen kanadischen Reise-Philosophen Kenneth White. Zwei weitere Einzelgänger aus Österreich, die Schriftsteller Walter Klier und Stefanie Holzer, haben dafür gesorgt, dass das literarische Leben Anfang der 1990er Jahre heftig durcheinander gewirbelt wurde. In ihrer Zeitschrift „Gegenwart“ attackierten sie mit Vorliebe kanonisch gewordene Autoren und kultivierten die Kunst, in möglichst viele Fettnäpfchen gleichzeitig zu treten. Dies gehört zu den einschneidenden Erfahrungen des bekennenden Zeitschriften-Narren: Kultur- und Literaturzeitschriften, sofern sie ihren Namen verdienen, locken ihn nicht nur mit einer enzyklopädischen Verheißung. Sie bilden auch eine mobile intellektuelle Probebühne, auf der man voreilig gefasste Überzeugungen und Gewissheiten revidieren lernt, belehrt durch neue und bessere Argumente. Die punktuellen Perspektiven und mikrologischen Erkenntnisinteressen der Kultur- und Literaturzeitschriften sind oft fruchtbringender und in jedem Fall spannender als die monolithischen Gebäude großer Theoriearchitekturen. Es mag sein, dass man den leidenschaftlichen Zeitschriftenmenschen zu den Suchtkranken rechnen muss. Entzugstherapien wären für seinen Bildungsroman jedoch kontraproduktiv. Zum Autor: Michael Braun, Jg. 1958, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Seit über zwei Jahrzehnten rezensiert er regelmäßig Literaturzeitschriften – überwiegend für den Saarländischen Rundfunk (nachzulesen auf www.poetenladen.de). Das Essay erschien in der Messezeitung „vier.eins“ zur Frankfurter Buchmesse 2007. © Michael Braun / junge-magazine.de
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